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Die ersten zwei Stunden: Was wirklich zuerst zu tun ist

RD Von Robin Dill · Stand: 8. August 2026 · 9 Min. Lesezeit

Wenn ein Kind verschwindet, verliert man zuerst die Ordnung im Kopf. Genau dafür ist dieser Text: eine Reihenfolge, an die man sich halten kann, wenn Nachdenken schwerfällt.

Das Wichtigste in Kürze
Vorab, ohne Umschweife Dieser Text ersetzt keinen Notruf. Wenn du gerade jemanden vermisst: Wähle 110 und lies das hier später.

Warum die erste Stunde zählt

Der Suchraum wächst mit jeder Minute — und zwar nicht linear, sondern in der Fläche. Ein Kind, das zu Fuß unterwegs ist, kann sich in einer Stunde je nach Alter und Gelände ein bis drei Kilometer weit entfernen. Die abzusuchende Fläche wächst dabei im Quadrat: Verdoppelt sich der Radius, vervierfacht sich das Gebiet.

Dazu kommt: Geruchsspuren sind frisch am aussagekräftigsten, Zeugen erinnern sich besser, und Videoaufzeichnungen an Geschäften und Bahnhöfen werden oft nach kurzer Zeit überschrieben. Wer früh meldet, arbeitet mit besserem Material.

Die Reihenfolge

  1. Die naheliegendsten Stellen — zwei Minuten, nicht zwanzig Kinder verstecken sich. Unter Betten, in Schränken, hinter Sofas, im Auto, im Gartenhaus, in der Waschmaschine. Ruf laut und wiederholt den Namen. Aber setz dir eine Grenze: zwei bis drei Minuten. Währenddessen telefoniert jemand anderes.
  2. 110 wählen Nicht abwarten, nicht erst die Familie durchtelefonieren. Sag beim Anruf: wer fehlt, wie alt, seit wann, was die Person anhatte, wo sie zuletzt gesehen wurde — und ob es Besonderheiten gibt: Autismus, Demenz, Medikamente, Nichtschwimmer. Diese Angaben entscheiden darüber, wie die Polizei die Suche einstuft.
  3. Wasser zuerst Wenn in der Umgebung ein Gewässer ist — Teich, Pool, Bach, Regentonne, Regenrückhaltebecken, Güllegrube — geht dorthin jemand als Erstes. Das gilt besonders bei kleinen Kindern und bei Kindern im Autismus-Spektrum. Warum, steht im Abschnitt weiter unten.
  4. Einen Geruchsartikel sichern Getragene Kleidung von gestern, das Kopfkissen, eine Zahnbürste, die Haarbürste. In eine saubere Papiertüte oder einen frischen Gefrierbeutel — und ab da nicht mehr anfassen. Jede weitere Hand mischt einen fremden Geruch hinein.
  5. Jemand bleibt zu Hause Ein häufiger Fehler: Alle schwärmen aus, und das Kind steht später vor verschlossener Tür. Eine Person bleibt am Ausgangsort, mit geladenem Telefon, und nimmt Anrufe entgegen.
  6. Erst dann Helfer organisieren Und zwar koordiniert. Zehn Menschen, die ohne Absprache losrennen, suchen dieselbe Straße dreimal ab und lassen den Waldrand aus.

Was der Polizei am meisten hilft

Halte diese Angaben bereit — am besten schriftlich, weil man sie unter Stress vergisst:

AngabeWarum sie zählt
Ein aktuelles FotoNicht das schönste, sondern das jüngste — und eines, auf dem das Gesicht klar zu sehen ist.
Kleidung bei VerschwindenFarben zuerst. „Gelbe Regenjacke“ trägt weiter als „eine Jacke“.
Uhrzeit des letzten sicheren SehensLegt den Startpunkt der Suche fest — nicht schätzen, sondern rekonstruieren.
Letzter bestätigter OrtDer Ausgangspunkt jeder Sektoreinteilung.
Gesundheitliche BesonderheitenDiabetes, Epilepsie, Autismus, Demenz, Medikamente — ändert Dringlichkeit und Suchstrategie.
Gewohnheiten und LieblingsorteKinder gehen selten zufällig irgendwohin. Spielplatz, Oma, Kita, Bahnhof.
Kann die Person schwimmen?Entscheidet, wie dringend Gewässer abzusuchen sind.
Handy, Smartwatch, Tracker?Ortung ist möglich — die Polizei kann das veranlassen.

Fünf Fehler, die immer wieder passieren

1. Warten, weil man niemanden stören will

Es gibt keine Wartefrist. Die Vorstellung, man müsse 24 Stunden verstreichen lassen, stammt aus Filmen. Eine Vermisstenanzeige kann sofort aufgenommen werden, und bei Kindern beginnt die Polizei unverzüglich.

2. Den Geruchsartikel anfassen

Verständlich — man greift nach dem Kuscheltier, weil es das Kind ist, was man noch hat. Aber für den Hund wird der Gegenstand damit unbrauchbarer. Nimm ein anderes Stück und lass es liegen, wo es liegt.

3. Alle laufen in dieselbe Richtung

Ohne Aufteilung wird die Hauptstraße fünfmal abgesucht und der Feldweg gar nicht. Eine Fläche gilt erst dann als abgesucht, wenn jemand sie wirklich abgelaufen hat und das auch festgehalten wurde.

4. Ins Suchgebiet gehen, während ein Hubschrauber fliegt

Fliegt ein Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera über ein Waldgebiet, ist jede Person am Boden eine zusätzliche Wärmequelle. Das Bild wird dadurch schwerer lesbar. Wer nicht informiert ist, behindert die Arbeit, ohne es zu merken — deshalb muss die Information über einen laufenden Flug alle erreichen, und zwar schnell.

5. Ungeprüfte Aufrufe in sozialen Netzwerken

Gut gemeint, oft schädlich. Ungeprüfte Aufrufe erzeugen falsche Hinweise, binden Kräfte und lassen sich später nicht mehr löschen. Sprich ab, ob und wie öffentlich gesucht wird.

Wenn ein Kind im Autismus-Spektrum vermisst wird

Dann ändert sich die Reihenfolge: Wasser kommt vor allem anderen. Nach Zahlen der National Autism Association enden rund neun von zehn tödlichen Weglauf-Ereignissen bei autistischen Kindern unter 14 Jahren durch Ertrinken. Eine Auswertung des National Center for Missing & Exploited Children über zehn Jahre kam auf 84 Prozent. Die Zahlen unterscheiden sich je nach Erhebung — die Richtung ist eindeutig.

Mehr dazu im eigenen Beitrag: Warum autistische Kinder zum Wasser gehen.

Und wenn ihr die Person findet?

Auch das will vorbereitet sein — der erste Impuls ist oft der falsche. Lautes Rufen und schnelles Zulaufen treiben ein verängstigtes Kind weiter weg. Was stattdessen hilft, steht hier: Was tun, wenn du die vermisste Person findest.

Vorher vorbereiten, nicht im Ernstfall Zwei Dinge kosten heute zehn Minuten und sparen im Ernstfall eine Stunde: einen Geruchsartikel anlegen und ein aktuelles Foto plus Beschreibung griffbereit haben. Beides braucht man hoffentlich nie.

Häufige Fragen

Muss ich 24 Stunden warten?

Nein. Diese Regel ist ein Mythos aus Filmen. In Deutschland kann jede Vermisstenanzeige sofort aufgenommen werden. Bei Kindern, hilflosen Personen oder Anzeichen einer Gefahr beginnt die Polizei unverzüglich mit Maßnahmen.

110 oder 112?

Bei einer vermissten Person die 110. Die 112 ist für medizinische Notfälle und Feuer. Beide sind kostenlos, funktionieren ohne Guthaben und aus jedem Netz. Wer unsicher ist, wählt eine davon — die Leitstellen verbinden weiter.

Erst selbst suchen oder sofort anrufen?

Sofort anrufen. Ein kurzer Blick an die naheliegendsten Stellen ist sinnvoll, während jemand anderes telefoniert. Aber niemand sollte eine halbe Stunde allein suchen, bevor er Hilfe holt — diese Zeit fehlt später.

Warum soll ich den Geruchsartikel nicht anfassen?

Suchhunde brauchen den Individualgeruch der vermissten Person. Getragene Kleidung, ein Kopfkissen oder eine Zahnbürste tragen ihn. Wer den Gegenstand anfasst, mischt seinen eigenen Geruch hinein und macht ihn schlechter verwertbar.

Darf ich ein Foto bei Facebook posten?

Erst nach Absprache mit der Polizei. Eine unkoordinierte Verbreitung kann Ermittlungen stören, falsche Hinweise erzeugen und das Kind später belasten. Die Polizei entscheidet, ob und wie eine Öffentlichkeitsfahndung erfolgt.

RD
Robin Dill

Gründer von SUCHE. Entstanden ist es aus der Beobachtung, wie viel bei einer Suche verloren geht, wenn niemand den Überblick teilt. Dieser Text ist nach den unten genannten Quellen zusammengestellt und ersetzt keine Anweisung von Polizei oder Rettungsdienst — im Zweifel gilt immer, was die Einsatzkräfte vor Ort sagen.

Quellen
  1. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes — Vermisste Kinder — https://www.polizei-beratung.de/
  2. Initiative Vermisste Kinder — Hilfe für Angehörige — https://www.vermisste-kinder.de/
  3. National Center for Missing & Exploited Children — Search and Rescue Guidance — https://www.missingkids.org/
  4. Johanniter-Unfall-Hilfe — Rettungshundestaffel, Mantrailing und Geruchsartikel — https://www.johanniter.de/dienstleistungen/im-notfall/bevoelkerungsschutz/rettungshundestaffel/
Kennst du dich damit besser aus als ich? Dieser Text ist von einem Entwickler zusammengetragen, nicht von einer Fachkraft. Wenn du bei Feuerwehr, DLRG, THW, einer Rettungshundestaffel oder der Polizei bist und hier etwas falsch oder unvollständig ist: schreib mir. Ich korrigiere es und nenne die Quelle. Das gilt genauso für juristische Hinweise — beim Datenschutz gibt es hier noch offene Punkte.

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